Vier von zehn Mitarbeitenden (37%) denken, dass ihre Skills in Zukunft nicht mehr gebraucht werden. Was passiert mit diesen Mitarbeitenden? Werden sie entlassen? Wenn ja, wie finden sie wieder einen Job?
Mit Skills-basiertem Lernen können Firmen, Mitarbeitende und Jobsuchende besser auf die schnellen (technologischen) Entwicklungen und die sich rasch ändernden Anforderungen am Arbeitsmarkt reagieren.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist Skills-basiertes Lernen?
- Warum braucht meine Firma Skills-basiertes Lernen?
- Vorteile für Firmen
- Vorteile für Mitarbeitende
- Vorteile für Jobsuchende
- Nachteile von Skills-basiertem Lernen
- Wie implementierst du Skills-basiertes Lernen als Firma?
- Haben wir in der Schweiz Skills-basiertes Lernen nicht längst umgesetzt?
Was ist Skills-basiertes Lernen?
Unter Skills-basiertem Lernen versteht man, dass Lernprogramme auf spezifische Skills ausgerichtet sind und dabei für einzelne Personen individualisiert werden. Darüber hinaus werden Fähigkeiten vermittelt, die direkt im Arbeitsalltag anwendbar sind, sogenannte Praxis-Skills.
Dieser Ansatz wird vor allem in Firmen angewendet, die ihre Skill-Gaps schliessen möchten. Dabei absolvieren die Mitarbeitenden nicht alle die gleichen Fort- oder Weiterbildungsprogramme; sondern pro Mitarbeiter/in wird analysiert, welche Skills sie oder er benötigt und welches Skill-Niveau allenfalls schon vorhanden ist.
Skills-basiertes Lernen vs. traditionelles Lernen
Wie unterscheidet sich Skills-basiertes Lernen von traditionellem Lernen?
- Ansatz
- Skill-basiert: Vermittlung durch praktische Anwendung
- Traditionell: Vermittlung durch Lesen, Vorlesungen und Tests als Wissensgrundlage
- Zielsetzung:
- Skill-basiert: Hands-on Expertise für bessere Aufgabenerledigung
- Traditionell: Verständnis der Grundlagen
- Resultat:
- Skills-basiert: Praxis-Können, um im Alltag schnell reagieren zu können
- Traditionell: Kritisches Denken für fundierte Entscheidungen

Warum braucht meine Firma Skills-basiertes Lernen?
Wir haben nie ausgelernt.
Aufgaben und benötigte Skills verändern sich momentan so schnell wie wahrscheinlich noch nie. Bis 2030 werden 39% der Skills von Mitarbeitenden veraltet sein.
Skill-basiertes Lernen hilft Mitarbeitenden, ihre Skills aktuell halten zu können. Wenn die einzelnen Mitarbeitenden mit den Entwicklungen in ihrem Fachgebiet Schritt halten, kann auch eine Firma als Ganzes mit den Veränderungen besser umgehen.
Vorteile für Firmen
- Wandel besser meistern: Skills-basiertes Lernen ermöglicht mehr Flexibilität. Eine Firma kann besser auf Veränderungen reagieren (egal ob sie von aussen oder von innen kommen), wenn Mitarbeitende auch kurzfristig notwendige Skills lernen. 91% der L&D-Fachpersonen sind deshalb der Meinung, dass kontinuierliches Lernen wichtiger denn je ist.
- Wissen in der Firma halten: Wenn Mitarbeitende neue Skills erwerben können, ist es einfacher, intern zu rekrutieren. So bleibt viel mehr Wissen im Unternehmen, als wenn extern rekrutiert wird.
- Mitarbeiter engagieren und binden: Die Möglichkeit zu lernen führt nicht nur dazu, dass Mitarbeitende sich engagieren, sondern auch dazu, dass sie dem Unternehmen länger treu bleiben. Das spart die Kosten von teuren Abgängen und Neurekrutierungen.
- Arbeitgebermarke fördern: Wenn sich ein Unternehmen dafür einsetzt, dass Mitarbeitende sich weiterentwickeln können, wirkt sich das positiv auf die Arbeitgebermarke aus. Vor allem dann, wenn sich die Lernmöglichkeiten herumsprechen.
- Kundenzufriedenheit steigern: Mitarbeitende, die ihre Skills ausbauen, sind nicht nur kompetenter, sondern zufriedener. Beides sorgt für gute Beratung und zufriedene Kundinnen und Kunden.
Vorteile für Mitarbeitende
Wenn dein Arbeitgeber Skills-basiertes Lernen ermöglicht, hast du als Mitarbeiter/in unter anderem folgende Vorteile:
- Arbeitsmarktfähig bleiben: Als Mitarbeiter/in in einer Firma, die Skills-basiertes Lernen ermöglicht, baust du deine Skills kontinuierlich aus. Das hilft nicht nur deinem Arbeitgeber, sondern hält auch dich up to date und arbeitsmarktfähig. 68% der Mitarbeitenden sind der Meinung, dass Lernen ihnen in Zeiten grosser Veränderung hilft, sich anzupassen.
- Individuelle Entwicklung: Beim Skills-basierten Lernen steht im Mittelpunkt, was du als Mitarbeiter/in bereits kannst, was du noch lernen solltest und was du in deinem Arbeitsalltag brauchst. Du erhältst also massgeschneiderte Lern- oder Entwicklungsmöglichkeiten, statt in einem Fortbildungskurs zu sitzen, in dem du nichts Neues lernst.
- Praxisnahes Lernen: Du erwirbst gezielt Skills, die du unmittelbar in deiner täglichen Arbeit einsetzen kannst.
Vorteile für Jobsuchende
Auch wenn du momentan keine Anstellung hast, kannst du Skills-basiert lernen. Das hat zum Beispiel diese Vorteile:
- Schneller Kompetenzaufbau mit klarem Ziel: Skills-basiertes Lernen reduziert Umwege und ermöglicht einen effizienteren Wiedereinstieg oder Umstieg.
- Langfristige Arbeitsmarktfähigkeit: Durch kontinuierliche Skill-Entwicklung bleibst du auch bei strukturellen Veränderungen arbeitsmarktfähig.
- Fokus auf relevante Fähigkeiten: Du lernst Skills, die am Arbeitsmarkt tatsächlich nachgefragt werden. Wie weisst du, welche Skills gefragt sind? Das zeigen wir im nachfolgenden Beispiel.
So findest du heraus, welche Fähigkeiten du dir aneignen solltest
Als Beispiel gehen wir davon aus, dass du eine gelernte Detailhandelsfachperson bist, die nach einer Filialschliessung nicht mehr auf der Verkaufsfläche arbeiten möchte. Aus dem Detailhandel bringst du viele Fähigkeiten mit, die du im Kundenservice oder im Verkaufsinnendienst anwenden kannst.
- In der Work-ID trägst du deine letzte Tätigkeit (also Detailhandelsfachperson) ein und erhältst verschiedene passende Skills automatisch vorgeschlagen.
- Du wählst diejenigen Fähigkeiten aus, die du bereits hast.
- Folglich siehst du Jobs, die zu deinen Skills passen.
- Du wählst «Technical Sales Support Specialist» aus und siehst sofort, welche Skills dir noch fehlen (s. Bild).
- Du suchst dir passende (Online-)Kurse, um dir die fehlenden Fähigkeiten anzueignen für den Job, den du gerne machen möchtest.

Nachteile von Skills-basiertem Lernen
Wie fast alles bringt natürlich auch Skills-basiertes Lernen einige Schwierigkeiten mit sich:
- Fragmentierung des Lernens: Gefahr, dass isolierte Skills gelernt werden, ohne Gesamtzusammenhänge zu verstehen.
- Vernachlässigung von Metakompetenzen: Kritisches Denken, Kreativität oder soziale Kompetenzen geraten leichter in den Hintergrund.
- Kurzfristiger Fokus: Risiko, sich zu stark an aktuell gefragten Skills statt an langfristiger Entwicklung zu orientieren.
- Hoher Umsetzungsaufwand: Skills-Definition, Lernpfade und didaktische Konzepte erfordern Zeit und Ressourcen. Aber es ist nachhaltig.
Wie implementierst du Skills-basiertes Lernen als Firma?
Wenn du Skills-basiertes Lernen in deiner Firma umsetzen möchtest, gelingt dir das am besten entlang der nachfolgenden 7 Schritte. Damit die Umsetzung anschaulicher wird, verwenden wir eine Beispielfirma:
Das fiktive Schweizer Produktionsunternehmen «Mechanik-Ing» mit rund 250 Mitarbeitenden stellt mechanische Komponenten her. Das Unternehmen muss seine Produktion in den nächsten Jahren optimieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Prozesse sollen effizienter, Ausfälle früher erkannt und Produktionsdaten besser genutzt werden. Dafür wird zukünftig unter anderem Künstliche Intelligenz (KI) genutzt. KI wird dabei nicht als Ersatz für Mitarbeitende verstanden, sondern als Werkzeug, um Entscheidungen zu unterstützen und Abläufe zu verbessern.
Das Unternehmen merkt: Die bestehenden Skills reichen langfristig nicht aus.
1. Übersicht der vorhandenen Skills erstellen
Welche Skills sind bereits vorhanden?
Die Geschäftsleitung in Zusammenarbeit mit der HR-Leitung bittet alle Mitarbeitenden, mit der Work-ID ihre Skills selbst zu erfassen und sich mit der «Mechanik-Ing» zu verbinden.
Ein Produktionsmitarbeiter erfasst z.B. «Maschinen bedienen», «Qualität kontrollieren» und «Produktionsprozesse verstehen».
Eine Mitarbeiterin im Verkaufsinnendienst erfasst unter anderem «ERP bedienen», «Mit Kunden kommunizieren» und «Daten pflegen».
Ergebnis: Die Geschäftsleitung und HR sehen erstmals transparent im Skills-Manager alle vorhandenen Skills im Unternehmen.
2. Notwendige Skills definieren
Welche Skills brauchen wir unbedingt, um langfristig erfolgreich zu sein?
Um das herauszufinden, leitet «Mechanik-Ing» Skills aus der Unternehmensstrategie ab. Einige Beispiele:
- Produktionskennzahlen verstehen
- Datenqualität verstehen
- Zusammenhänge zwischen Prozess und Daten erkennen
- KI-basierte Auswertungen interpretieren (z.B. Warnungen, Prognosen)
- Empfehlungen von KI kritisch beurteilen
- Produktionsprozesse analysieren und beschreiben
- Engpässe und Fehlerquellen erkennen
- Sicherer Umgang mit digitalen Produktionssystemen
- Arbeiten mit Dashboards und digitalen Reports
- Dokumentation von Abläufen in digitalen Tools
3. Skills-Gap erkennen
Das Delta zwischen den vorhandenen und den benötigten Skills ergibt den Skills-Gap, also die Lücke in den Skills. Auf diese Skills kannst du dich für die nächsten Schritte fokussieren.
Im Fall von «Mechanik-Ing» sind das unter anderem:
- Produktionsdaten interpretieren und nutzen
- KI-basierte Prognosen im Alltag einordnen
- Ursachen von Störungen datenbasiert analysieren
- Produktionsprozesse strukturiert und digital beschreiben
- Zusammenarbeit zwischen Produktion und IT auf Augenhöhe
4. Pilotprojekte starten
Wenn du nicht weisst, wo du mit der Umsetzung starten sollst, beginne mit Pilotprojekten. Definiere Bereiche in deiner Firma, in denen die meisten Veränderungen zu erwarten sind.
Statt alles auf einmal umzusetzen, startet unsere «Mechanik-Ing» ein Pilotprojekt in der Produktion.
- Ein Team aus 15 Mitarbeitenden (darunter Maschinenbediener/innen, Mitarbeiter/innen vom Maschinenunterhalt, Prozessplaner/innen und Qualitätskontrollfachkräfte)
- Fokus auf datenbasierte Prozessverbesserung
- Zielsetzung: Stillstandzeiten reduzieren
Vorteil: Das Unternehmen sammelt Erfahrungen, ohne den gesamten Betrieb zu überfordern.
5. Persönliche Entwicklungspläne gestalten
Nun leitest du für jede beteiligte Person ab:
- Welche Skills sind bereits vorhanden?
- Welche Skills sollen aufgebaut werden?
Ein Produktionsmitarbeiter bei «Mechanik-Ing» fokussiert sich z.B. auf:
- Grundlagen der Datenauswertung anwenden
- Kennzahlen verstehen
- Optimierungsprojekte unterstützen
6. Lerninhalte zur Verfügung stellen
Nun geht es darum, dass du für jeden Skill passende Lernangebote schaffst.
Die HR-Abteilung der «Mechanik-Ing» prüft, ob die bestehenden Lernangebote zu den benötigten Skills passen:
- Interne Schulungen zu Produktionskennzahlen
- Begleitung durch erfahrene Mitarbeitende
Fehlende Inhalte werden ergänzt. So schafft die Firma beispielsweise Zugang zu kleinen, digitalen Kursen im Bereich Datenauswertung für Produktionsmitarbeiter.
Das Lernangebot folgt also dem Bedarf, nicht umgekehrt.
7. Monitoring und Weiterentwicklung
Nach einigen Monaten wird überprüft:
- Welche Skills haben sich sichtbar verbessert?
- Wo zeigen sich messbare Effekte im Arbeitsalltag?
- Wo braucht es Anpassungen?
Die Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt fliessen anschliessend in weitere Bereiche wie Logistik oder Administration ein.
Erfahre auch, wie du dein ganzes Unternehmen in eine Skills-basierte Organisation verwandelst.
Haben wir in der Schweiz Skills-basiertes Lernen nicht längst umgesetzt?
Der Begriff «Skills-Based Learning» wird im englischsprachigen Raum viel breiter genutzt. Es geht dabei nicht nur um das Lernen innerhalb eines Unternehmens, sondern um Lernen und Ausbildung im Allgemeinen.
In der Schweiz haben wir mit der Berufslehre dieses Konzept schon längst umgesetzt. Doch gerade in Bereichen, in denen viele Hochschulabsolventinnen und -absolventen zu finden sind, sowie in Tätigkeiten mit einem hohen Grad an Wissensarbeit gibt es auch in der Schweiz Nachholbedarf beim Skills-basierten Lernen.
